Text und Interview erschienen in «Sonntag» bzw. «Leben & Glauben» 46/03

Argumente – allzu schlagend

Dass Kinder Grenzen brauchen, ist unbestritten. Doch noch immer glauben allzu viele, dass die Anwendung von körperlicher Gewalt dafür ein legitimes Mittel ist.

Richtig wohl fühlt sich dabei zwar niemand. Und doch passiert es häufiger, als man denkt: Rund 80 Prozent aller Kinder werden in der Schweiz Opfer von körperlicher Gewalt – zumeist in Form von „erzieherischen“ Züchtigungen ihrer Eltern oder Erziehungsberechtigten. „Natürlich ist es schwer, das genaue Ausmass zu erfassen“, sagt Franz Ziegler, Psychologe und Co-Geschäftsleiter des Vereins Kinderschutz Schweiz. „Aber wenn man die heute Erwachsenen fragen würde, ob sie selbst eine Erziehung ohne körperliche Übergriffe geniessen durften, dann könnten das vermutlich nur wenige voll und ganz bejahen.“

Falsche Lernprozesse

Denn der Irrglaube, Kinder könnten nicht mit Worten allein erzogen werden, ist nach wie vor verbreitet. „Schliesslich haben wir früher auch unsere Ohrfeigen kassiert, und es hat uns ja wohl nicht geschadet“ ist ein Spruch, den man nur allzu oft noch hört. Franz Ziegler findet diese Sichtweise gefährlich: „Mit der Anwendung von körperlicher Gewalt als erzieherische Massnahme werden Lernprozesse in Gang gesetzt, deren Folgen verheerend sind. Einerseits lernt das Kind, dass offensichtlich der Stärkere gegenüber dem Schwächeren Gewalt anwenden darf. Und andererseits, dass Gewalt offenbar als Mittel zur Konfliktlösung eingesetzt werden kann.“

Die hohe Akzeptanz von Gewalt in der Erziehung ist umso verblüffender, wenn man bedenkt, dass exakt dieselben Handlungen völlig anders beurteilt werden, wenn keine Kinder involviert sind: Gibt ein Mann einem andern – oder gar einer Frau – eine Ohrfeige, sind sich alle einig, dass eine Tätlichkeit begangen wurde. „Warum wir Erwachsene jedoch bereit sind, dieselbe Handlung Kindern gegenüber zu akzeptieren, ist mir nicht klar“, sagt Franz Ziegler. „Und ich verstehe erst recht nicht, wieso ein solcher Akt der Gewalt einem Kind gegenüber gar noch eine konstruktive Erziehungsmassnahme sein soll.“

Tiefe Hemmschwelle

Eigentlich verstehen das auch die meisten Erwachsenen nicht. Denn 80 bis 90 Prozent der Eltern, die schlagen, sagen, es bringe nichts oder würde die Situation sogar noch verschlimmern. Trotzdem gelingt es ihnen nicht, von der „Jahrtausende alten Tradition“ (Franz Ziegler) der Gewalt in der Erziehung wegzukommen. „Wenn das Auto am Morgen nicht anspringt“, so Ziegler, „steigen wir aus, öffnen die Kühlerhaube und rufen vielleicht den Pannenhilfe an. Warum gelingt es uns in der Erziehung nicht auch, erst in Ruhe eine Problemanalyse zu machen, um so zu einer sinnvollen Lösung zu finden?“

Ganz offenbar fällt es leichter, mal „die Hand ausrutschen“ zu lassen, anstatt nach besseren Methoden zu suchen. Zwar distanzieren sich heute viele Eltern von Ohrfeigen oder anderen Schlägen an den Kopf; weit weniger tabu sind hingegen Körperteile wie Hände, Rücken oder Po. Und oft kommen gar noch Hilfsgegenstände zum Einsatz: Gürtel und Lineale, Bügeleisen, Kabel, Kleiderbügel – Franz Ziegler spricht von einem eigentlichen „Gruselkabinett“, wenn er darüber nachdenkt, auf welche Arten Kinder schon malträtiert wurden. „Fusstritte, Verbrennungen mit Zigaretten, mit heissem Wasser … Eltern haben diesbezüglich oft mehr Fantasie, als wenn es darum geht, Alternativen zur körperlichen Züchtigung ausfindig zu machen.“

Vor allem Säuglinge betroffen

Besonders bedenklich: Am häufigsten von körperlicher Gewalt betroffen ist die Altersgruppe der 0- bis 4-Jährigen (!), also die Säuglinge und Babys. Dass etwa das Schütteln von Neugeborenen tödliche Folgen haben kann, wurde spätestens durch die Geschichte des Bergsteigers Erhard Loretan einem breiten Publikum bekannt. Hinreichend dokumentiert sind auch Fälle, in den Väter und Mütter ihre Kinder mittels Schlägen „ruhig stellen“ wollten – auch hier bisweilen mit tödlichem Ausgang.

Bis ins Alter von 12 bis 14 Jahren, sagt Ziegler, seien es vor allem die Buben, welche körperliche Gewalt erfahren. Anschliessend wechsle sich das Blatt: „Bei Mädchen“, so Zieglers Spekulation, „wirkt offenbar die elterliche Angst vor unerwünschtem Sexualverhalten, weswegen die Erziehung eine gewisse Zeit lang strenger wird als bei den Buben.“

Überfordert – aber warum?

Doch warum tun Eltern ihren Kindern überhaupt Gewalt an? Die häufigsten Gründe sind Hilflosigkeit undÜberforderung“, sagt Franz Ziegler. „Doch wenn wir uns fragen, was denn zu dieser Überforderung geführt hat, stossen wir auf einen riesigen Katalog von möglichen Faktoren.“ Geringe Frustrationstoleranz der Eltern, enttäuschte Erwartungen (zum Beispiel „falsches“ Geschlecht des Kindes oder eine Behinderung), psychische Probleme, finanzielle Sorgen, Erwerbslosigkeit, schwache schulische Leistungen der Kinder usw. – all dies sind Faktoren, die die Anwendung von körperlicher Gewalt zwar nicht zwingend bedeuten müssen, die Gefahr dafür jedoch wesentlich erhöhen können.

„Daher müssen wir auf allen Ebenen tätig werden“, sagt Franz Ziegler, „wenn wir das Thema Gewalt gegen Kinder präventiv angehen wollen.“ Gefordert sei ein gesamtgesellschaftliches Umdenken: Würden sich die Leute häufiger fragen, „Möchte ich selbst so behandelt werden, wie ich jetzt mein Kind behandeln will oder behandelt habe?“, dann wäre wohl schon viel erreicht, glaubt Ziegler. Aber noch ist es ein weiter Weg: Während etwa die sexuelle Ausbeutung von Kindern in der öffentlichen Meinung eindeutig als Gewalt erkannt und einhellig verurteilt wird, geraten andere Gewaltformen – wie eben die körperliche, aber auch die psychische Gewalt oder die Vernachlässigung – nur allzu oft in den Hintergrund oder würden gar nicht als solche ernst genommen.

Handlungsbedarf auf Gesetzesebene

So tut sich auch der Gesetzgeber seit Jahren schwer, griffige Bestimmungen zu formulieren. Laut Strafgesetzbuch (Art. 126) werden Tätlichkeiten an Kindern nur verfolgt, wenn sie „wiederholt“ geschehen, und erst im Juli dieses Jahres hat das Bundesgericht zwar das Verhalten eines Mannes, der die Kinder seiner Partnerin mehrfach geschlagen hatte, als widerrechtlich taxiert, dabei jedoch bewusst auch einen Spielraum für den „gelegentlichen Klaps“ gelassen. Ausserdem wurde im Nachgang zum Bericht der Arbeitsgruppe „Kindesmisshandlungen in der Schweiz“ von 1992 zwar ein explizites Verbot von Körperstrafen auf Gesetzesebene gefordert, das entsprechende Postulat ruht jedoch seit 1996 in der Schubladen der Bundesverwaltung. Im europäischen Vergleich hinkt die Schweiz somit hinterher: Bisher kennen elf Staaten einen solchen Paragrafen – den Anfang machten 1979 die Schweden, als bislang letztes Land zog Island per 1.November 2003 nach.

Helfen statt eingreifen

„Selbstverständlich geht es nicht darum, die Eltern vor den Kadi zu zerren“, sagt Franz Ziegler. Sondern darum, ein Zeichen zu setzen. Denn man wolle keinesfalls, dass stets den Eltern alle Schuld in die Schuhe geschoben werde: „Damit setzen wir sie nur noch mehr unter Druck, anstatt sie zu entlasten.“ Neben der Verbannung von körperlicher Gewalt aus dem Katalog der Erziehungsmassnahmen gelte es vor allem, betroffene Eltern zu unterstützen. Mit Beratungsangeboten, die eben gerade nicht als Eingriff in die Familie, sondern – von allen Beteiligten – als Hilfestellung verstanden würden. „Damit vermeidet man, die Eltern zu beschuldigen und zu verurteilen, denn dann lautet die primäre Fragestellung: ‚Wie können wir euch helfen, dass ihr künftig nicht mehr auf körperliche Gewalt zurückgreifen müsst?‘“

Was tun, wenn der Nachbar sein Kind schlägt?

Wie gehe ich vor, wenn ich in meinem Umfeld Kindsmisshandlungen beobachte oder vermute? Franz Ziegler, Co-Geschäftsleiter von Kinderschutz Schweiz, plädiert für ein besonnenes Vorgehen.

Angenommen, meine Nachbarin verabreicht ihrer Tochter eine Ohrfeige. Soll ich eingreifen?

Diese Frage lässt sich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Um die Situation zu beurteilen, benötige ich eine Vielzahl von Informationen: Welche Beziehung habe ich zu dieser Nachbarin? Wie würde ich sie ansprechen? Würde dadurch der Druck auf das Kind allenfalls gar noch grösser? Ich denke, in den meisten Situationen ist es angebracht, sich erst einmal mit einer Fachstelle in Verbindung zu setzen, zum Beispiel mit dem Sozialdienst der Gemeinde, mit der Vormundschaftsbehörde usw. Dort kann man – auch ohne Namen zu nennen – seine Beobachtungen darlegen, eine erste Einschätzung der Situation erhalten und das weitere Vorgehen planen.

Also nicht gleich die Polizei anrufen?

Die Polizei einzuschalten wäre höchstens dann angezeigt, wenn ein Kind unmittelbar massiv gefährdet ist, wenn es primär darum geht, das Kind zu sichern. Aber in der Mehrzahl der Fälle, in denen es um das „normale“, alltägliche Ausmass von körperlichen Züchtigungen geht, ist es besser, sich erst an eine der erwähnten Fachstellen zu wenden.

Gibt es typische Anzeichen, die darauf schliessen lassen, dass ein Kind misshandelt wird?

Das ist extrem schwierig zu beantworten, weil praktisch alle Folgen von Kindsmisshandlungen auch andere Ursachen haben können. Ein Kind, das sich plötzlich zurückzieht, das in der Schule plötzlich Mühe hat, das ein wenig „verfahren“ wirkt, das plötzlich nachts wieder ins Bett macht – das kann auch daran liegen, dass etwa seine Grossmutter gestorben ist. Daraus gleich schliessen zu wollen, das Kind werde zuhause misshandelt, ist sehr gefährlich. Natürlich – wenn man etwa jeden Abend aus der Nachbarwohnung hört, wie Stühle herumfliegen, wie Kinder schreien … Aber auch da würde ich erst den Gang zur Fachstelle empfehlen.

Nicht jede öffentliche Behörde empfängt einen gleich mit offenen Armen – gibt es noch andere Beratungsangebote?

Es gibt in vielen Kantonen Kinderschutzgruppen und -kommissionen, die sich vielleicht nicht immer in unmittelbarer Nähe, zumindest aber in der nächsten grösseren Ortschaft befinden. Weitere Anlaufstellen wären etwa Kinder- und Jugendpsychologische Dienste, Familienberatungsstellen, schulpsychologische Dienste und viele andere. Wir haben für den Bund ein Verzeichnis mit rund 750 Adressen solcher Hilfs- und Beratungsstellen erarbeitet.

Ich rate den Leuten, nicht in einen blinden Aktionismus zu verfallen – langsam ist oft schneller. Aber es ist auch wichtig, sich nicht im Schneckenhaus zu verkriechen. Sich an eine Fachstelle wenden, Hilfe holen – damit ist der wichtigste Schritt getan.

Text und Interview: Ruedi Haenni

 

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