Tschöpfe-Scheffler, Sigrid (Hrsg.):

Arme Kinder in reichen Ländern

2 empfehlenswerte Bücher

Wer sich mit der Problematik armer Kinder in der Schweiz befasst, kommt nicht darum herum, sich primär an der Literatur aus vergleichbaren Ländern orientieren zu müssen. Und es wirkt dabei schon fast deprimierend, wie z.B. in der relevanten Literatur in Deutschland trotz bereits umfangreichen Studien noch immer davon gesprochen wird, dass ein riesiges Defizit bestehe und es versucht werden müsse, den Anschluss an andere Länder bzw. den Forschungs- und Praxisdiskurs nicht zu verpassen. Wo ist der Forschungsdiskurs und die Forschung hierzulande? Was wissen wir denn über arme Kinder in der Schweiz? Wie sie versuchen, mit ihren Lebensbedingungen umzugehen? Welche Folgen das Aufwachsen unter Armutsbedingungen in einem der reichsten Länder der Erde für die Kinder hat?

Wir sind heute noch nicht einmal soweit, uns über den (verpassten) Anschluss klar zu werden.

Chassé, Zander und Rasch haben in ihrer Publikation zwei Ziele verfolgt. Es war einerseits ihr Anliegen, Armuts- und Kindheitsforschung mit einander zu verbinden, und andererseits mit einer explorativen Feldstudie die Armut aus der Sicht von Kindern im Grundschulalter zu erforschen, ihre Wahrnehmungs-, Deutungs- und Bewältigungsmuster der (erlebten) Armut herauszuarbeiten. Obwohl selbst im ersten Nationalen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (BMAS, 2001) bereits die Feststellung gemacht wurde, dass Armut für Kinder eine Einschränkung der Erfahrungs-, Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten darstellt, überrascht es – so die AutorInnen -, dass die Zielgruppe, die Kinder, bisher aus der Forschung weitgehend ausgeblendet wurde. Sie galten und gelten als Angehörige betroffener Haushalte, nicht als Subjekte. Mit ihrer Forschung wollen sie erste Schritte dahin tun, Kinder als soziale Akteure in den Mittelpunkt zu stellen und zu fragen, wie diese Akteursrolle im Kontext von aktuellen benachteiligten Lebenslagen unmittelbar zu sehen ist: Kinder als Seiende, als soziale AkteurInnen, mit Anspruch auf Partizipation und Autonomie.

Das Buch bietet eine Fülle von Überlegungen, unter welchen Vorzeichen, Ansatzpunkten und auch methodischen Mitteln die Armut von Kindern durch Kinder erfasst werden kann. Sie lassen sich von der Fragestellung leiten, unter welchen Bedingungen sich wichtige Interessen und die Grundanliegen der Kinder entfalten und realisieren lassen (Einkommens- und Versorgungsspielraum, Lern- und Erfahrungsspielraum, Kontakt- und Kooperationsspielraum, Regenerations- und Mussespielraum, sowie der Dispositions- und Entscheidungsspielraum).

Im Zentrum des Forschungsprojekts standen 14 Fallstudien, je zur Hälfte aus städtischer und ländlicher Region. Mit Kindern zwischen 7 und 10 Jahren wurden problemzentrierte qualitative Interviews durchgeführt, wurden mit standardisierten Fragebogen, Gesichterskalen, Wunschfragen und Zeichenaufgaben die Perspektiven der Kinder erforscht. Den Ausführungen der Kinder wurden jene ihrer Eltern gegenübergestellt.

Die Ergebnisse, die im Buch rund 200 Seiten einnehmen, hier zusammenfassen zu wollen, würde einerseits den Rahmen der Besprechung sprengen, andererseits durch die Verkürzung der Komplexität nicht gerecht. Nur soviel:

"Die" Kinderarmut gibt es nicht. Es handelt sich um eine „vielschichtige Gemengenlage aus unterschiedlichsten Faktoren auf verschiedenen Ebenen“ (S.325). Kinderarmut ist ein komplexes Problem und muss in ihrer Differentialität, Heterogenität und Multidimensionalität begriffen werden. Das hat weitreichende Konsequenzen – nicht zuletzt auch, wenn es um angemessene Hilfe für die Betroffenen geht. Eine standardisierte Bearbeitung von Armutsproblemen kann es unter diesen Umständen nicht geben!

Nicht die gleiche Tiefe, was den Differenzierungsgrad betrifft, dafür mehr Breite bezüglich Erleben, Bewältigung, Folgen und Prävention der Armut für Kinder bietet der Sammelband, der von Margherita Zander herausgegeben wurde. In 13 Beiträgen wird zum einen ein Blick auf die Kinderarmut in Grossbritannien, Polen, Finnland und Italien geworfen, und werden zum anderen die Folgen und Bewältigungsstrategien von Kindern im Vorschulalter, im Schulalter, beim Übergang zu weiterführenden Schulen und bei Kindern mit Migrationshintergrund unter die Lupe genommen. Der dritte Teil (5 Beiträge) widmet sich gezielt den Handlungsperspektiven und der Prävention (Früh- und Gesundheitsförderung, Schule und Bildung, Familie und Haushaltführung, Stadtteil- und Elternarbeit). Hans Weiss, einer der Autoren, bringt seine Analyse auf den vermeintlich einfachen, aber folgerichtigen Schluss, wenn er schreibt, dass wirksame Hilfen nicht zum Billigtarif zu haben sind. Die Hoffnung auf wenig aufwändige präventive Programme ist nicht gerechtfertigt. Antje Richter einerseits sowie Rosie Divivier und Dirk Gross andererseits erheben schliesslich die Forderung, dass die Sektoren Gesundheit, Soziales und Bildung enger als bisher verknüpft und vernetzt werden müssen, um die mit der sozialen Ungleichheit verbundenen ungleichen Gesundheitschancen bei den von Armut betroffenen Kindern abzubauen: soziale Arbeit als Koproduktion – die Bekämpfung der Kinderarmut als eine kommunale Querschnittsaufgabe.

Den beiden Büchern sind viele und engagierte LeserInnen (auch PolitikerInnen) zu wünschen. In der Schweiz ist der Nachholbedarf zu gross, um die neuesten Erkenntnisse einfach zu ignorieren.

Chassé, Karl August; Zander, Margherita & Rasch, Konstanze:
Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2005, (überarbeite und aktualisierte Fassung der Erstauflage von 2003), 352S.

Zander, Margherita (Hrsg.):
Kinderarmut. Einführendes Handbuch für Forschung und Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2005, 284S.

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