Bange, Dirk:

Auf 170 Seiten das Wichtigste zum Thema:

Sexueller Missbrauch an Jungen

In der Wissenschaft, in der Öffentlichkeit, im Hilfs- und Beratungssystem und in den Medien wird die Problematik der sexuellen Ausbeutung von Knaben nur vereinzelt wahrgenommen. Das neu erschienene Buch von Dirk Bange möchte deshalb – in den Worten des Autors: " … so vielen Menschen wie möglich Informationen über den sexuellen Missbrauch an Jungen bieten. Es ist für Fachleute, Angehörige wie Betroffene gleichermassen gedacht. In einer leicht verständlichen Sprache beschreibt es die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und verbindet diese mit meinen Erfahrungen aus der praktischen Beratungsarbeit mit männlichen Missbrauchsopfern".

Dirk Bange setzt damit hohe Ansprüche. Und um es vorweg zu nehmen: er vermag diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Abstriche gilt es, so meine ich, lediglich bei der Sprache zu machen. Ich kann zwar nicht aus Sicht von Angehörigen und Betroffenen sprechen, vermute jedoch, dass das Buch, bei einer tatsächlich meist einfachen Sprache, mit vielen Fachtermini ausserhalb der Fachwelt nicht immer leicht verstanden werden kann.

Darüber hinaus ist das Buch ein Reader, den zu lesen sich für alle Interessierten lohnt. Nach einem historischen Rückblick (Kapitel 1), bei spezifischer Beachtung der Problematik des Missbrauchs in Krieg und Gefangenschaft (Kapitel 2), diskutiert Bange die Begriffe 'sexueller Missbrauch' und 'Pädosexualität' (Kapitel 3 und 4), liefert einen fundierten und aktuellen Stand zu Zahlen und Fakten (Kapitel 5), zeigt (in Kapitel 6), wie Knaben mit Übergriffserfahrungen umgehen und diese zu verarbeiten versuchen und geht auf typische Täterstrategien ein (Kapitel 7). Die ganze Bandbreite möglicher Kurz- und Langzeitfolgen bei den Opfern beschreibt er in Kapitel 8, die unterschiedlichen Formen, wie die Eltern der Opfer reagieren, in Kapitel 10. Schliesslich geht der Autor der Frage nach einem Zusammenhang zwischen Missbrauchserfahrungen und Homosexualität nach und zeigt Beratungs- und Therapieansätze auf ("Die Beratungs- oder Behandlungsmethode gibt es nicht!"). Kapitel 9 behandelt die Frage, ob die Opfer auch Täter werden. Hier räumt Bange mit voreiligen Schlüssen (Vorurteilen?) auf – auch bei Professionellen: behandeln nicht auch sie die missbrauchten Opfer von heute als Täter von morgen? Während bei weiblichen Opfern nach einer adäquaten Therapie gefragt wird, werden männliche Opfer in ein Täterpräventionsprogramm geschickt. "Seit Jahren werde ich bei Vorträgen und in Gesprächen über den sexuellen Missbrauch an Jungen fast ausschliesslich nach dem Weg 'vom Opfer zum Täter' gefragt. Sehr selten taucht dagegen die Frage auf, ob sich nicht unter den Helfern oder den besonders Erfolgreichen oder den 'Normalen' viele Opfer finden" (S.84).

Dirk Bange kann zu Gute gehalten werden, dass er den neuesten Erkenntnisstand nicht nur fundiert darstellt, sondern diese Erkenntnisse auch mit vielen Beispielen aus seiner langjährigen Erfahrung als Berater von männlichen Opfern belegt und illustriert und dabei klar Stellung bezieht.

Dirk Bange: Sexueller Missbrauch an Jungen. Die Mauer des Schweigens. Hogrefe, Göttingen, 2007

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