«EN CHLAPF ZUR RÄCHTE ZYT ...» | Strafen in der Erziehung – gestern und heute

Franz Ziegler

Um es gleich vorweg zu nehmen: gestraft wurden Kinder in unserem Kulturkreis zu allen Zeiten. Strafen sind weder eine Neuerscheinung noch speziell typisch für irgendeine vergangene Epoche. Sicher gab es aber Zeiten, in denen zumindest das körperliche Bestrafen der Kinder gravierendere Formen hatte als heute. Kann das ‚Problem’ Strafen deshalb als schon gelöst erachtet werden?

Ein kurzer Blick zurück

Wer in Geschichtsbüchern blättert, findet Angaben bezüglich Erziehungsidealen und –vorstellungen schon bei den Griechen vor 3’000 Jahren, Hinweise auf Erziehungspraktiken bei den alten Römern und biographische Quellen aus allen folgenden Jahrhunderten. Alle Dokumente enthalten Aussagen über einen äusserst rabiaten Umgang mit Kindern, selbst mit jenen aus vornehmen Häusern. Man ging davon aus, dass strenge körperliche Züchtigung notwendig sei, um die Disziplin bei den Kindern und Jugendlichen aufrechtzuerhalten, um überhaupt erzieherische Werte vermitteln zu können und nicht zu letzt auch, um Teufel und Dämonen auszutreiben bzw. den einen oder anderen Göttern wohlgefällig zu sein. Eltern, Lehrer, Philosophen und Priester glaubten, gegen die den Kindern innewohnende Torheit und im Hinblick auf ihre Rechtschaffenheit das einzige ‚Heilmittel’ in Rute und Stock zu finden. „Wer sein Kind liebt, züchtigt es“, wird im Alten Testament propagiert. Auch viele andere Textstellen verweisen immer wieder auf die Züchtigung und Bestrafung als Erziehungsmittel. Auf einem alten Kupferstich von 1650 (Hauser, A.: Was für ein Leben. Schweizer Alltag vom 15. bis 18.Jahrhundert. Zürich 1987) finden wir die Aussage: "Drum, wer an Kindern wil erleben freud und ehr, der spar an ihnen nicht die ruten zucht und lehr". Auch in der Schweiz haben selbst pädagogische Vordenker in der Vergangenheit zu – aus heutiger Sicht – gewalttätigem Handeln gegen Kinder aufgerufen haben (vgl. Katharina Rutschky "Schwarze Pädagogik")

Lloyd de Mause fasst entsprechend die Geschichte der Kindheit so zusammen: "Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto grösser die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell missbraucht wurden".

Aktuelle Forschungsergebnisse

Der Haltung, dass eine Tracht Prügel noch keinem Kind geschadet habe, wird auch heute noch umfangreich nachgelebt, weltweit in den meisten Regionen, bei den meisten Kulturen und Völkern – auch in der Schweiz. Sämtliche Untersuchungen und Zahlen belegen, dass die Mehrheit der Kinder hierzulande und heute mit Körperstra-fen belegt werden. Gemäss Studien, in denen das Bestrafungsverhalten der Eltern in der Schweiz erforscht wurde, sind Körperstrafen zumindest aus statistischer Perspektive nicht als Ausnahmesituationen, sondern eher als Norm und Regel zu bezeichnen.

An der Universität Fribourg wurde 2004 im Auftrag des Bundesamts für Sozialversicherung in einer Studie eine vergleichende Analyse des Bestrafungsverhaltens von Erziehungsberechtigten 1990 und 2004 vorgenommen. Darin konnte zwar bezüglich des Ausmasses von Körperstrafen zwischen 1990 und 2004 eine leichte Abnahme festgestellt werden, dagegen zeigten die Eltern weniger Skepsis und weniger Bedauern gegenüber Körperstrafen. Auf die gesamte Gruppe der 0 bis 2 Jährigen hochgerechnet ist davon auszugehen, dass über 1’700 Kinder unter 2 Jahren manchmal bis sehr häufig mit Gegenständen geschlagen werden, 13'000 erhalten manchmal bis häufig Ohrfeigen und über 35'000 Kinder unter 2 Jahren werden manchmal bis sehr häufig mit Schlägen auf den Hintern bestraft. Nur ca. 14% der Eltern konnte von sich behaupten, noch nie Körperstrafen angewendet zu haben. Von den körperlichen Strafaktionen sind vor allem die jüngsten Kinder (0-4 Jahre) betroffen, Knaben etwas häufiger als Mädchen.

Nach der Aussage von Kindern und Jugendlichen selbst ist die Körperstrafen nach wie vor die häufigste Strafform oder zumindest die am besten erinnerte. Bei Elternbefragungen dominieren in der erwähnten Untersuchung von 2004 insbesondere jene Bestrafungsformen, die Verbote und Liebesentzug beinhalten (Fernsehverbot, Ausgehverbot, ohne Essen ins Bett, Linksliegenlassen usw.). Diese Strafformen haben gegenüber 1990 prozentual teilweise markant zugenommen. Eltern lassen ihre Kinder aber auch den eigenen Kummer spüren, verlangen Entschuldigungen, kürzen das Taschengeld, drohen oder isolieren die Kinder.

Die Angaben der Eltern, welches Verhalten sie am meisten ärgert und was sie zum Strafen veranlasst hat, veränderten sich zwischen 1990 und 2004 nicht bedeutsam. Bezüglich der jüngsten Kinder nimmt Ungehorsam nach wie vor eine markante Stellung als Strafanlass ein. So geben rund 70% der Eltern von Kindern zwischen 0 und 2 Jahren an, sich über Ungehorsam der Kinder zu ärgern. In dieser Altersgruppe stellen für rund die Hälfte der Eltern häufiges Schreien, schlechte Tischmanieren und Unhöflichkeit eine bedeutsame Ärgerquelle dar. Für den Fall von Körperstrafen wird Ungehorsam als wichtigste Ursache für die Kinder der jüngeren Alterskategorien genannt. Sogar bei den Kindern unter zwei Jahren rangiert Ungehorsam an erster Stelle als Begründung für die letzte Körperstrafe.

Was bewirken die Strafen?

Die Forschung hat versucht zu eruieren, unter welchen Bedingungen Strafen am wirkungsvollsten sind. Dabei hat sich gezeigt, dass Strafen v.a. dann Wirkungen zeigen,

Diese Randbedingungen sind fast nur unter Laborbedingungen und nur selten unter ‚natürlichen’ Bedingungen gegeben. Viele Strafende sind sich denn der Ineffizienz ihres Tuns auch durchaus bewusst und geben unumwunden zu, dass das Strafen nichts fruchtet – oder die Situation gar noch verschlimmert. Nur wenige Eltern geben an, dass sie mit dem Strafen jene Ziele erreicht haben, die sie erreichen wollten. Kinder brauchen zwar klare Grenzen, damit sie wissen, woran sie sich orientieren können, damit sie Halt und Sicherheit finden. Sie benötigen für ihre Entwicklung Wegweiser, die ihnen die Richtung angeben – anstelle der Verbotsschilder, die lediglich das Negative betonen und die Entwicklung behindern. Strafen sind zudem im Erziehungsalltag vieler Familien paradox: Kinder erhalten mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung, wenn sie Unerwünschtes tun als wenn sie sich gemäss den Vorgaben und Vorstellungen der Eltern verhalten. Das unerwünschte Verhalten gewinnt dadurch an Attraktivität. Die Auftre-tenswahrscheinlichkeit wird nicht verringert.

Bezüglich Aussagen zu Erfahrungen anderer Personen, die mit Kindern leben und arbeiten, gibt es bisher keine wissenschaftlichen Studien. Es ist allerdings davon auszugehen, dass das Strafen z.B. auch im schulischen Kontext von nicht allzu grossem Erfolg beschieden ist. Wenn Strafen ein effizientes Mittel wären, müssten sie nicht so häufig angewendet werden!

Über Risiken und Nebenwirkungen ...

Nein, Strafrezepte mit Packungsbeilagen gibt es nicht! Und vielleicht haben gerade die Nebenwirkungen dazu geführt, dass das Strafen in der Erziehung solange tabuisiert worden ist und viele Erziehungsberechtigte nur mit ungutem Gefühl ihre Kinder bestrafen. Strafen haben Nebenwirkungen!

Strafen lösen unmittelbar Trotz, Aggression, Widerstand, Rückzug und allenfalls Vergeltung und Zerstörung aus. Längerfristig und insbesondere wenn häufig bestraft wird, haben Strafen einen negativen Einfluss auf das Selbstwertgefühl der Kinder und auf die Eltern-Kind-Beziehung (oder die Beziehung zu anderen Erziehungsberechtigten). Kinder lernen Angst und Aggression. Und unter Umständen tragen Strafen zur Entwicklung neurotischer Störungen bei, da die Strafen ein unerwünschtes Verhalten nicht löschen sondern unterdrücken. Häufig (und insbesondere körperlich) bestrafte Kinder zeigen vermehrt Verhaltensauffälligkeiten. Mit dem Bestraftwerden lernen die Kinder, was sie nicht tun sollen und dürfen. Sie lernen aber nicht die erwünschten Alternativen.

Autoritär, antiautoritär, autoritativ?

Erziehung war über Jahrhunderte hinweg durch autoritäre Methoden geprägt – durch starre Disziplin und Unterordnung. Die Entwicklung des Selbstbewusstseins wurde dem Gehorsam geopfert. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde im Sinne einer Gegenbewegung der antiautoritäre Erziehungsstil und das ‚laissez-faire’ propagiert und praktiziert. Mit wenig Erfolg – wie man heute weiss. Die antiautoritäre Erziehung hat sich als nicht eben konstruktive Methode erwiesen. Muss also wieder und gerade in Zeiten, in denen der Ruf nach strengerer Erziehung lauter wird, auf die autoritäre Erziehung zurückgegriffen werden? Nein, denn auch sie wird den Anforderungen der heutigen Zeit nicht gerecht. Gefragt sind heute starke Kinder, Kinder, die wissen, was gültig ist, deren Rückgrat aber nicht gebrochen sondern ge-stärkt wird.

In der Fachwelt wird deshalb seit einigen Jahren die sogenannte autoritative Erziehung quasi als Königsweg angepriesen. Die autoritative Erziehung lebt dem Grund-satz „Freiheit in Grenzen“ nach und hat sich gemäss einiger Längsschnittstudien bereits als konstruktive Methode bewiesen. Kinder werden so erzogen, dass sie sich zu lebensbejahenden, gemeinschafts- und leistungsfähigen Jugendlichen und Erwachsenen entwickeln.

Die autoritative Erziehung basiert auf drei Säulen, die einander bedingen und beeinflussen:

Literatur:

Rutschky, K.: Schwarze Pädagogik. Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung. Ullsttein, Berlin, 1997 (8.Auflage).

deMause (Hrsg.):, L.: Evolution der Kindheit. L. Hört ihr die Kinder weinen. Eine psychogenetische Geschichte der Kindheit. Frankfurt,1994, S.12.

www.freiheit-in-grenzen.org

erschienen in: Schritte ins Offene, 3/2006, S.26-31

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